Resilienz ist mehr als Durchhalten
Als für tausende Berlinerinnen und Berliner das Jahr 2026 mit Dunkelheit, Kälte und Stillstand begann, verfolgte Detlef Kurth die Lage aufmerksam. Mit dem großflächigen Blackout im Südwesten der Hauptstadt war ein Szenario eingetreten, wie es der Professor für Stadtplanung in seiner Forschung immer wieder durchspielt.
Als Experte für urbane Resilienz beschäftigt er sich damit, wie Städte solche Ausnahmesituationen bewältigen können. „In der Definition von UN-Habitat, das ist das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, bedeutet Resilienz nicht nur Widerstandsfähigkeit“, erklärt Kurth.
„Es geht um ein Zusammenspiel von drei Dimensionen: Widerstand, Anpassung und Transformation. Städte sollten sich darauf vorbereiten, auch in Krisen zu funktionieren und sich nach Schadenereignissen so zu verändern, dass sie künftig besser und nachhaltiger gewappnet sind. Der international gängige Leitsatz dafür lautet Building Back Better.“
Für ihn zeigt der durch einen Anschlag auf Stromleitungen verursachte Ausnahmezustand, wie verletzlich wir sind – aber auch, wo die Hebel für eine größere Widerstandsfähigkeit liegen. „Die Absicherung der kritischen Infrastruktur ist ein großes Thema. Auch die Bedeutung von Schutzräumen wurde sichtbar, und dabei sprechen wir nicht nur von Bunkern, sondern auch über Aufenthaltsräume wie beheizte Turnhallen mit Strom und Verpflegung. Schnell verfügbare Generatoren werden gebraucht, in Berlin waren diese nicht überall vorhanden“, zählt Kurth auf.
Andere Länder sind weiter
Urbane Resilienz ist in Deutschland ein vergleichsweise junger Begriff. 2021 wurde Resilienz in Reaktion auf die Corona-Pandemie erstmals systematisch auf Städte bezogen: Das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat veröffentlichte damals konkrete Handlungsempfehlungen für Städte und Gemeinden. Verfasst wurde dieses sogenannte Memorandum Urbane Resilienz von einer Expertengruppe unter Kurths Vorsitz.
„Länder wie Japan und Taiwan haben seit Jahrzehnten Planungen für Erdbeben, Tsunamis und Pandemien“, sagt der Professor. „In Deutschland haben wir oft Glück gehabt. Das ändert sich nun mit dem Klimawandel, mit Hitze, Starkregen und Hochwasser, durch Pandemien und die Verletzlichkeit digitaler Systeme. Was jetzt verstärkt dazukommt, und was im Memorandum noch fehlte, sind hybride Angriffe und der imperiale Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine mitten in Europa.“
Berichte, nach denen in Berlin lebende Ukrainerinnen und Ukrainer kurzerhand einen „Resilienz-Anlaufpunkt“ für Anwohner mit Wärme und Strom organisierten, während bei vielen Stadtteilbewohnern noch Ratlosigkeit vorherrschte, passen für ihn ins Bild: „Menschen in Ländern mit leidgeprüfter Erfahrung haben bereits gelernt, was im Ausnahmefall zu tun ist. Wir merken jetzt, dass das auch in Deutschland wichtiger wird.“
Die Prinzipien resilienter Städte
Den Forschenden helfen bestimmte Prinzipien dabei, Städte unter dem Gesichtspunkt der Resilienz zu betrachten, dazu gehören: Redundanz, Vielfalt, Effizienz, Robustheit und Exposition.
„Infrastrukturen sollten sich wiederholen und dezentral organisiert sein“, erläutert der Experte, was unter Redundanz zu verstehen ist.
Der Berliner Stromausfall habe gezeigt, was passiert, wenn eine Mehrfachabsicherung fehlt: „Das zweite Stromkabel lag neben dem ersten und wurde ebenfalls zerstört.“ Mehrfachabsicherungen sind demnach überall nötig: im Einzelhandel etwa durch mehrere kleinere Lagerstandorte statt eines einzigen zentralen Verteilzentrums, in der Wasserversorgung durch Pumpen, Leitungen und Steuerungen, die nicht an einem einzigen Knotenpunkt hängen.
Stadt der kurzen Wege
Das Prinzip Vielfalt ist damit eng verbunden: Es sollte nicht ein einziges Kraftwerk geben, dessen Ausfall die komplette Stadt lahmlegt. „Hier können erneuerbare Energien, kombiniert mit lokalen Speichern zur Resilienz und zur Versorgungssicherheit beitragen“, sagt Kurth.
Gebäude und Infrastrukturen müssen Belastungen aushalten, also robust sein – sowie effizient, was bedeutet: kompakte, schnell erreichbare und nutzbare Strukturen. Als wichtiges Stichwort nennt Kurth die Stadt der kurzen Wege: Gemeint sind Quartiere, in denen Wohnen, Einkaufen, Bildung, Gesundheitsversorgung und Grünflächen so nah beieinander liegen, dass die Menschen, die dort wohnen, auch ohne Auto zurecht kommen. Dieses auch als „15-Minuten-Stadt“ bekannte städtebauliche Konzept sieht eine funktionale Mischung vor: Läden und Dienstleistungen in Erdgeschossen von Wohn- und Bürogebäuden, Kitas und Schulen vor Ort, Pflegedienste, die sich auf das direkte Umfeld konzentrieren, wohnungsnahe Grünflächen und dezentrale Infrastrukturen.
Solche Quartiere tragen nicht nur zum Klimaschutz bei, sondern erhöhen auch die städtische Resilienz und die Fähigkeit zur Klimaanpassung, so Kurth. „Menschen sind weniger abhängig vom Auto oder Nahverkehr und langen Lieferketten. Kurze Wege und stabile soziale Netzwerke im direkten Umfeld helfen dabei, dass Städte auch in Krisen funktionieren.“
Abwägung ist nötig
Schließlich spielt die Exposition eine Rolle, also die Frage nach dem richtigen Standort. „Man sollte beispielsweise nicht in Überschwemmungsgebieten und Hitze-Hotspots bauen.“
Kurth betont, dass diese Prinzipien durchaus miteinander kollidieren können, beispielsweise Konzepte für eine kompakte und effiziente Quartiersgestaltung mit dem Wunsch nach Frischluftschneisen und Wasser-Rückhaltebecken zum Schutz vor Hitze und Überschwemmungen. „Zur Resilienz gehört deshalb immer ein Abwägen innerhalb einer gesamten Stadtentwicklung – das ist letztlich die Hauptaufgabe der Stadtplanung in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft.“
Forschung vor Ort
Die Stadt- und Raumplanung hat als eigenständiger Studiengang eine jahrzehntelange Tradition in Kaiserslautern, er ist einer der ersten und grössten Studiengänge dieser Art in Deutschland. „Unsere Forschung ist schon immer sehr anwendungsbezogen. Das gilt auch für den Bereich urbane Resilienz. Wir sind vor Ort, sprechen mit Verantwortlichen in den kommunalen Verwaltungen und Behörden, sitzen in planerischen Gremien, erarbeiten Risikoanalysen und konkrete Vorschläge.“ In Workshops und Reallaboren diskutieren die Forschenden gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern und Anliegern, wie sich Strukturen verbessern lassen.“
Resilienzforschung betrachtet die gesamte Stadt, unterstreicht Kurth. „Wir arbeiten fachübergreifend und im Austausch mit Disziplinen wie Bauingenieurwesen, Verkehrsplanung, Sozialwissenschaften, Statistik, Rechtswissenschaft und vielen mehr.“
Lernen aus der Ahrtal-Flut
Doktorandinnen und Doktoranden seines Lehrstuhls begleiten beispielsweise wissenschaftlich den Wiederaufbau nach der Flut im Ahrtal. Sie analysieren Fehler der Vergangenheit und unterstützen den Wiederaufbau mit Fachkonzepten.
„Ein Positivbeispiel ist Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo eine eigene Entwicklungsgesellschaft den Wiederaufbau koordiniert“, gibt Kurth einen Einblick. Allerdings arbeite jede Kommune weitgehend für sich allein. „Es gibt, außer beim Hochwasserschutz, keine regionale Gesamtstrategie. Das ist aus unserer Sicht ein großer Fehler.“
Auch hinsichtlich Building Back Better gebe es im Ahrtal Luft nach oben: „Das liegt zum Teil an den Versicherungen, an der Förderpolitik oder daran, dass die Menschen wieder auf ihren bisherigen Grundstücken bauen wollen.“
Regulierung als Stärke
Eine Stärke sieht der Professor im deutschen Planungsrecht. „Kommunen haben effektive Instrumente, etwa das Baugesetzbuch. Wir sind hoch reguliert und das ist aus unserer Sicht für eine wirkungsvolle Katastrophenvorsorge eine Stärke.“
Die Flut im Ahrtal habe gezeigt, welche schlimmen Folgen falsche Standortentscheidungen haben können – etwa dort, wo in Hochwassergebieten behinderte Menschen in Einrichtungen ums Leben kamen. Aus Sicht des Experten sind notfalls auch Zwangsmaßnahmen legitim, um solche Risiken zu vermeiden, wenn eine Moderation nichts bringt. „Behörden können im Extremfall einen Eigentümer zum Beispiel dazu zwingen, die Nutzung eines Erdgeschosses in einer Flutzone anzupassen oder ihn sogar zu enteignen. In der Praxis wird allerdings davon etwa in Rheinland-Pfalz bislang kaum Gebrauch gemacht.“
Resilienz unter Kriegsbedingungen
Auch international ist die Expertise der Stadtplanerinnen und Stadtplaner gefragt. Über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) bietet Kurths Lehrstuhl ukrainischen Studierenden digitale Lehrformate, Workshops und Stipendien an. „Dabei geht auch um urbane Resilienz unter Kriegsbedingungen“, berichtet Kurth: Wie schütze ich mich? Wie gehe ich mit Evakuierungen um? Wie baue ich Infrastruktur wieder auf? Gemeinsam bauen wir gemeinsame Lehrmodule und Master-Studiengänge zu diesen Themen auf.“
Gemeinsam mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) entstehen außerdem konkrete Konzepte für den Wiederaufbau von Städten, die durch den russischen Angriffskrieg komplett zerstört wurden. „Die Planungskonzepte für die Ukraine sind schwer umzusetzen, weil der Krieg immer länger anhält. Im Moment ist es wichtiger die Energieversorgung zu sichern und Menschen vor dem Bombenterror zu schützen, als über Building back better nachzudenken.“
Der internationale Austausch funktioniert in beide Richtungen. „Wir lernen von der Ukraine viel, zum Beispiel über Schutzräume und improvisierte Resilienzpunkte, die dort längst zum Alltag gehören.“
Kaiserslautern als Modellstadt
In einem gemeinsamen Projekt mit Karina M. Pallagst, Leiterin des Fachbereichs Internationale Planungssysteme an der RPTU, richten die Forschenden aktuell den Blick auf die eigene Stadt und untersuchen das Potenzial von Kaiserslautern als sogenannte resiliente Transformationsstadt. „Dabei geht es darum, industrielle Geschichte, Baukultur und Zukunft zusammen zu denken“, erklärt Kurth. „Wir beschäftigen uns damit, wie wir auf vorhandenen Grundlagen die Stadt gleichzeitig nachhaltiger und krisenfester gestalten können.“
Knackpunkt ist das Risikobewusstsein
„Technische Defekte, menschliche Fehler oder gezielte Angriffe können schnell ganze Städte lahmlegen. Ein Stromausfall wie in Berlin oder ein hybrider Angriff können fast überall passieren. Uns fehlt ein ausreichendes Bewusstsein für solche Risiken. Wir sind leider noch sehr anfällig“, sagt Kurth. Er betont aber ausdrücklich: „Wir wollen keine Angst schüren, sondern das Risikobewusstsein erhöhen, damit man vorbereitet ist.“
Aus stadtplanerischer Sicht komme es vor allem darauf an, bei jedem Projekt mögliche Risiken systematisch und von Anfang an mitzudenken: Liegt ein geplantes Baugebiet in einem Überschwemmungsbereich? Wo staut sich Hitze? Was passiert, wenn die Stromversorgung oder das Internet ausfallen und was ist dann zu tun? „Idealerweise gibt es einen Resilienzmanager, der Vorsorge, Zuständigkeiten und Abläufe koordiniert. Denn urbane Resilienz bedeutet vor allem, Risiken bewusst vorauszuplanen. Und das ist eine besondere Kompetenz unserer Absolventen der Stadt- und Raumplanung.“
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Kurth, Detlef (2022): City Models and Preventive Planning Strategies for Resilient Cities in Germany. In: Urban Planning, Vol 7, No 4 (2022),90-95, 6 S. DOI: https://doi.org/10.17645/up.v7i4.5803
Positionspapier der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL): Resiliente Raumstrukturen, Hannover 2025
Greif, Friedbert; Kurth, Detlef; Scholl, Bernd (Hrsg.) (2022): Planung für Morgen. Jovis Verlag Berlin. ISBN: 978-3-86859-744-8
Detlef Kurth, Anna Kuzyshyn und Poliksen Qorri-Dragaj: Urbane Resilienz in Risikozeiten, Marlowes (Magazin für Qualitätspublizistik in den Bereichen Architektur und Stadt), April 2025
ARD alpha, alpha-demokratie, Die Städte im Klimawandel, September 2022
SWR Aktuell Rheinland-Pfalz, Sendung vom 6.11.2025, 19:30 Uhr (ab Minute 06:55)
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